Jahresrückblick 2025 - Julia Hesselmann
- Julia Hesselmann
- 31. Dez. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Jan.

Kleine Schritte, große Elefanten und die Freiheit, die eigene Version zu leben - Mein Jahresrückblick
Wenn ich am heutigen 31. Dezember 2025 aus dem Fenster schaue, sehe ich keinen glitzernden Hollywood-Abspann. Mein Jahr war kein rasanter Actionfilm und auch kein perfekt durchgestyltes Werbevideo. Wenn 2025 eine Bewegung wäre, dann ein leichter Tanz - ganz in meiner Bewegung: viele kleine Schritte, gelegentlich ein Schritt vor, zurück zur Seite, Momente der Einkehr & der inneren Stärkung, tiefes Durchatmen und eine stetige, rhythmische Vorwärtsbewegung.
Es war ein Jahr, in dem ich gelernt habe, dass Freiheit nicht bedeutet, ans Ende der Welt zu fliegen, sondern den Mut zu besitzen, "Nein" zu den Erwartungen anderer zu sagen. Auch wenn diese manchmal nur in unserem Kopf vorhanden sind.
Es war ein Jahr der gelben Bananen, des Hausbootes und der Erkenntnis, dass ich niemandes Leben leben muss - außer mein eigenes.
Ich blicke zurück auf 365 Tage voller Reflexion, Abenteuer und der Kunst, mir selbst treu zu bleiben. Es ist der erste Jahresrückblick, den ich überhaupt schreibe und mir so Zeit nehme, das zu reflektieren, was war. Ein Danke an Judith für diesen Impuls.
April 2025: Khao Lak – Wo die Präsenz einen Rüssel hat
Bevor mein großes Sommer-Abenteuer begann, führte mich mein Weg im April nach Thailand. Zwei Wochen Khao Lak. Wenn ich die Augen schließe, kann ich die feucht-warme Luft noch immer auf meiner Haut spüren. Es ist dieser ganz spezielle Duft nach Jasmin und dem Regen, der in der Luft hängt.
Thailand stand auf meiner Bucketlist. Es war ein Ruf meiner Fernweh-Seele. Und dort passierte etwas, das mein gesamtes Jahr prägen sollte. Ich verbrachte Zeit an einem wundervollen Ort mit großer Wärme und Feuchtigkeit, die ich ziemlich unterschätzt habe. Ich verbrachte Zeit mit Elefanten und schaute mir wunderschöne Tempel an.
Wir waren in einem Schutzzentrum, wo man mit den Tieren baden und sie füttern durfte. Es ist eine Sache, einen Elefanten im Zoo zu sehen, hinter einem Graben. Es ist eine völlig andere Sache, im Wasser neben einem dieser grauen Riesen zu stehen, ihre Haut zu berühren und ihre warme, feuchte Atmung zu spüren.
Wir durften die Tiere füttern. Bei uns war eine ältere Elefantendame. Ihre Haut war fest. Und ihr Rüssel auch. Ich habe vorher noch nichts ähnliches gespürt. Und obwohl der Rüssel so dick und fest ist - ist er gleichzeitig so sensibel. Elefanten mit diesem Rüssel tasten und sooo feine Bewegungen vornehmen - unglaublich.
Unsere Dame war eine Genießerin. Vor uns stand ein Korb mit Bananen – grüne und gelbe. Und wir gaben ihr diese zu fressen. Mit einer fast schon meditativen Präzision sortierte sie mit ihrem Rüssel ausschließlich die gelben Bananen aus. Die grünen? Die würdigte sie keines Blickes, nahm sie und lies sie einfach fallen. Sie wusste genau: Die gelben sind weich, süß.
Sie wußte was ihr gut tat und ging keine Kompromisse ein. (Und ich habe es wirklich probiert, ihr hier und da die grünen Bananen unterzumogeln.)
Wie oft im Leben versuchen wir, „grüne Bananen“ zu essen, nur weil sie uns vorgesetzt werden?
Wir machen Dinge, die uns nicht erfüllen, essen Sachen, weil sie schnell gehen oder folgen Reiseplänen, die eigentlich nicht unsere sind.
Khao Lak war mein Weckruf - in mancher Hinsicht - für echte Präsenz. Es war der Grundstein für die Entscheidungen, die im Juni folgen sollten.
Die Freiheit der Nicht-Buchung oder wie ich lernte, dass Holland das bessere Bali ist, mein 2-monatiges Sabbatical
Nach meiner Rückkehr aus Thailand wartete das nächste große Ding: Bali. Das Reisebüro hatte ganze Arbeit geleistet. Die Route war perfekt, die Hotels sahen auf den Fotos aus wie aus dem Hochglanzmagazin, das Programm war prall gefüllt.
Aber da war dieses Gefühl. Ein leises Ziehen in der Magengegend.
Ich saß vor den Unterlagen und merkte: Mein System war gesättigt. Ich hatte Thailand noch in jeder Pore meines Körpers. Wollte ich wirklich direkt wieder in ein asiatisches Land? Wieder 20 Stunden fliegen? Wieder diese extreme Feuchtigkeit, die zwar schön, aber auch anstrengend ist?
Und dann kam der entscheidende Faktor: Es war zwar alles geplant, aber noch nichts fest gebucht. Diese Information war mein Rettungsanker. In dem Moment, als ich mir erlaubte zu sagen: „Eigentlich will ich das so nicht“, fiel eine Zentnerlast von meinen Schultern. Ich sagte Bali ab. Nicht, weil Bali nicht schön gewesen wäre, sondern weil ich gelernt hatte, auf meine innere Stimme zu hören. Ich brauchte keinen weiteren Stempel im Reisepass, um mich frei zu fühlen. Ich brauchte einen Raum, den ich selbst gestalten konnte.
Juni & Juli 2025: Das große Sabbatical – Elf Stationen zu mir selbst
Statt Bali wählte ich Europa. Zwei Monate. Acht Wochen Zeit, die nur mir gehörten. Mein 2-monatiges Sabbatical im Juni und Juli 2025 wurde zu einer Reise durch elf ganz unterschiedliche Stationen: Dover, Mallorca, Hannover, St. Peter-Ording, Hamburg, Giethoorn, De Haan, Noordwijk, Bergen aan Zee, noch einmal Giethoorn und schließlich Aachen.
Der Sound von Giethoorn und das schwimmende Haus
Giethoorn, das Venedig Hollands, war ein Ort, den ich gleich zweimal besuchte. Die Stimmung am Morgen und am Abend - wenn die Touristenströme nicht mehr da sind - ist so bezaubernd. Die Hortensien, die überall in allen Farben blühen sind so schön. Einfach einer meiner absoluten Lieblingsorte jetzt.
Beim zweiten Mal bezogen mein Sohn und ich ein Hausboot.
Hier muss ich kurz schmunzeln, wenn ich daran zurückdenke. Ein Hausboot! Das war immer mein Traum. Es war festgemacht, bewegte sich also keinen Meter vom Ufer weg. Es war unser schwimmendes Nest. Wir verbrachten die Tage damit, mit einem anderen kleinen Boot durch die Kanäle zu tuckern. Wir ließen uns treiben, hörten unsere Lieblingsmusik – also die aktuellen Lieblingssongs meines Sohnes – und beobachteten die Schwäne und die Touristenströme aus sicherer Entfernung.
Es war die Definition von Entschleunigung. Das sanfte Plätschern des Wassers gegen die Bordwand war unser Soundtrack.
Bereits nach zwei Tagen auf diesem wunderbaren, festgemachten Boot bekam ich Kopfschmerzen. Ich fühlte mich schwindelig, irgendwie „neben der Spur“. Ich dachte mir nichts dabei - dachte, ich hätte mir etwas eingefangen. Erst auf dem Rückweg Richtung Aachen wurde mir klar: Ich war seekrank. Auf einem Boot, das sich eigentlich gar nicht bewegte! Mein Gleichgewichtssinn hatte offensichtlich eine andere Meinung zum Thema „festgemacht“ als das Seil am Steg. Und wir waren quasi komplett auf dem Wasser - fast den ganzen Tag lang - entweder in dem Bötchen oder auf dem Hausboot.
Es war eine tolle Erfahrung, die Zeit mit meinem Sohn dort zu genießen, aber ich habe auch gelernt: Ein Hausboot wird in diesem Leben nicht mehr meine erstgewählte Unterkunft. Etwas schade ist es schon - aber naja, ich kenne jetzt meine Grenzen.
Sonnenuntergänge und Kitesurfer
In De Haan, Bergen aan Zee und Noordwijk fand ich die Weite, nach der ich gesucht hatte. Ich kann mich an Abende erinnern, an denen ich stundenlang im Sand saß. Ich beobachtete u.a. Kitesurfer, wie sie mit einer unglaublichen Leichtigkeit über die Wellen tanzten.
Mit welcher Leichtigkeit und Präzesion die Kitesurfer ihre Sprünge machten, es sah toll aus.
Sie machten das, weil sie daran Freude hatten. Ich gebe zu, ich schaute lieber zu. Mir war es zu kalt und zu windig, um im Wasser zu sein.
Aber ich hatte meine Freiheit. Ich ging spazieren, aß Poffertjes, trank meinen "koffie verkeerd". Und hörte Hörbuch. Und bestaunte jeden Tag den Sonnenuntergang.
Freiheit in mir selbst. Ich musste niemandem Rechenschaft ablegen. Ich war einfach da.
Gestaltete alles in meinem Rhythmus.
Das Minenfeld der Mutter-Tochter-Beziehung (und wie wir es entschärften)
Jetzt kommen wir zu einem Thema, das vermutlich viele kennen und das oft genug Stoff für Dramen liefert: die Beziehung zur eigenen Mutter.
Wenn wir früher mehrere Tage miteinander verbrachten, endete das oft in einem emotionalen Minenfeld. Ich hatte Angst vor den alten Konflikten. Ich hatte Angst, dass mein Körper mit Migräne reagieren würde, weil ich den Stress nicht kanalisieren konnte.
Sie ist einer meiner wichtigsten Menschen und ich wollte mit ihr Zeit verbringen, schauen, was das macht. Und ich wollte später nichts bereuen. Wir wissen nicht, wieviel Zeit uns gemeinsam bleibt. Vielleicht sage ich das hoffentlich noch 20 Jahre - dann freue ich mich darüber.
Doch 2025 geschah ein kleines Wunder.
Wir nahmen unseren Mut zusammen und beschlossen, gemeinsam zu verreisen - ganze 9 Tage. Das war für uns beide ein Wagnis.
Und während der gemeinsamen Urlaubszeit verbrachten wir viel Zeit miteinander, gingen spazieren, sprachen miteinander. Einmal kochten auch die Emotionen hoch. So kamen Themen auf den Tisch, die im Anschluß besprochen werden konnten - in Ruhe und achtsam. Und sie konnten heilen.
Und ich begann, ihr zwischendurch kleine Massagen zu geben. Diese körperliche Berührung baute eine Brücke, wo Worte früher Mauern errichtet hätten. Wir kamen uns näher, ohne uns zu erdrücken. Am Ende des Sommers stand keine Migräne.
Ich begann, anders zuzuhören. Ich hörte nicht mehr nur die Worte meiner Mutter, die mich früher getriggert hätten. Ich spürte ihre Bedürfnisse, ich sah ihre Geschichte.
Wir fanden eine tiefere, entspanntere Verbindung zueinander. Eines der größten Geschenke, die ich mir dieses Jahr gemacht hat.
Dezember 2025: Der Sprung in die Selbstständigkeit
Während das Jahr sich dem Ende neigte, setzte ich einen Meilenstein, vor dem ich lange zurückgeschreckt habe. Ich machte mich nebenberuflich selbstständig.
Für mich gab es immer diesen Glaubenssatz: „Selbstständig bedeutet, dass du dein Leben aufgibst. Du arbeitest selbst und ständig." Dieser Satz war wie eine schwere Kette an meinem Fuß.
Doch durch die Arbeit an mir selbst habe ich erkannt: Ich darf es anders machen. Meine Selbstständigkeit folgt meinen Regeln. Ich setze den Rahmen. Ich entscheide, mit wem und wie viel ich arbeite und wann ich Pausen brauche.
Jeder Schritt in diesem Prozess – von der Visitenkarte bis zur Webseite – war eine Mischung aus stolzem Herzklopfen und dieser gesunden Portion Angst, die uns zeigt, dass wir gerade wachsen. Mein Kopf wollte mich oft warnen, aber mein Bauchgefühl sagte: „Geh weiter. Das ist dein Weg.“ Schritt für Schritt.
Und was ich gelernt habe - ich liebe einmal mehr das Pareto Prinzip und mein Motto ist nun "better done, than perfect". Das ist auf jeden Fall mal was Neues.

Was ich im Jahr 2025 zurücklasse
Ein Jahresrückblick ist immer auch ein Hausputz der Seele. Es gibt Dinge, die ich nicht mit nach 2026 nehmen werde.
Das schlechte Gewissen beim Sport
Hand aufs Herz: Ich habe 2025 nicht so viel Sport getrieben, wie ich es mir im jugendlichen Leichtsinn des letzten Silvesterabends vorgenommen hatte. Früher hätte ich mich dafür gegeißelt. Ich hätte mich unfit und disziplinlos gefühlt.
Heute sage ich: Schluss damit. Ich lasse das schlechte Gewissen hier. Immerhin habe ich mich zu einem regelmäßigen Yogakurs angemeldet und ein Bauchtanzstudio gefunden, das mir unglaublich viel Freude bereitet. Das Thema Bewegung bleibt auf der Agenda, aber ohne die Peitsche. Ich bewege mich, weil es sich gut anfühlt, nicht weil ich eine Quote erfüllen muss.
Die Lebensideen anderer
Das ist vielleicht mein wichtigster Punkt: Ich lasse den Drang zurück, die Erwartungen anderer zu erfüllen.
2025 hat mir gezeigt: Niemand muss mein Leben leben, außer ich selbst. Ich mache mich frei von den Entwürfen, die andere für mich bereithalten. Ich finde und lebe meine Version. Eine Version, auf die ich am Ende meines Weges zurückschauen kann, um mit einem Lächeln zu sagen: „Ja, das war meins.“
Fazit: Kleine Schritte sind auch Schritte
Mein Jahr 2025 hat mich gelehrt, dass die spektakulären Momente – wie das Baden mit Elefanten in Thailand – wunderschön sind. Mein Fernwehgen bleibt bestimmt. Aber ich habe auch mein Wohlfühl-Urlaubs-Gen gefunden.
Und meine Transformation lag darin, gut auf meinen Bauch zu hören und dem was ich da wahrnahm zu folgen:
In der Entscheidung, eine Reise abzusagen, die sich nicht richtig anfühlt.
In der Fähigkeit, auf einem kleinen Bötchen über einen See zu schippern mit Lieblingsmenschen, Musik zu hören und die Zeit zu genießen (auch wenn man danach kurz wackelig auf den Beinen ist).
Im Mut, mit fast 50 Jahren noch einmal neu zu lernen und sich selbstständig zu machen.
Und den Perfektionismus sein zu lassen. Pareto lebe hoch.
Ich bin dankbar für meine Familie, für den finanziellen Freiraum, für unser sicheres Land und für meinen wunderbaren, pflegeleichten Garten, der mir zeigt, dass alles zu seiner Zeit blüht.
2026 steht vor der Tür. Gestern habe ich ein Visionboard erstellt - ich sehe darauf Balance und Leichtigkeit. Das nehme ich mit ins nächste Jahr. Ich werde es nicht mit riesigen Vorsätzen begrüßen. Ich werde es mit einem leisen Lächeln empfangen und bereit sein für den nächsten Tanzschritt. Meinem Schritt. In meinem Tempo.




















































Liebe Julia,
ganz schön Reise-aufregend, dein Jahr. Wow. Die Elefanten-Dame, das Hausboot - das weckt bei mir richtig Fernweh. Den Traum vom Hausboot haben wir auch schon so lange. Aber vielleicht sollte ich es erstmal in einem Urlaub ausprobieren 😉
Deine Glaubenssätze zum Thema Selbständigkeit docken bei mir direkt an. Alles klar, Auftrag verstanden - da darf ich nochmal hinschauen. Danke für den Gedanken-Anstubser…
Falls du Lust hast, schau gern mal vorbei auf www.tinaniemann.com
Viele Grüße, Tina
Liebe Julia,
was für ein schöner und berührender Jahresrückblick. Mit deiner Beschreibung kam bei mir sofort das Gefühl zurück, wie es sich vor 17 Jahren anfühlte, einen Elefanten in Indien zu berühren.
Für deine Selbstständigkeit wünsche ich dir viel Erfolg und die nötige Gelassenheit, wenn es mal nicht nach Plan läuft.
Alles Gute für 2026!
Anja